Ein Tag als Frau

Das Ding mit dem Privatleben

Erzählen Sie doch mal ein bisschen von sich. Was haben Sie vorzuweisen? 

Also ich habe etwas mehr als 20 Jahre Erfahrung, in denen ich mich mit diesem Geschlecht identifiziere.

Wir haben hier ein paar Punkte, die wir gerne mit Ihnen durchgehen würden. Standard-Daten, Formalitäten etc.

Gern. Legen Sie los.

Wollen Sie Kinder? Ein oder zwei? Sie sind ja auch schon seit über 5 Jahren in einer Beziehung. Da ist die Verlobung bestimmt nicht lange hin. Moment, dann sind sie ja schon seit Sie 15 Jahre alt sind mit der selben Person zusammen! Finde ich toll, dass es sowas noch gibt. Das war dann wohl auch ihr Erster. Ich könnte ja nie damit leben mit nur einer Person… also Sie wissen schon. Krass. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht ein Haus zu bauen?  Ihr Mann, äh Freund ist doch sicherlich berufstätig? Was macht der Gute? Naja, in Anbetracht dessen, was sie beruflich machen wollen, schätze ich er verdient recht gut. Journalismus ist ja auch so ne brotlose Kunst. Da muss man sich als Frau schon mal absichern. Zum Beispiel mit dem richtigen Partner. 

Ähm… Was?!

Jetzt tun Sie doch nicht so unschuldig. Wer sich so anzieht, weiß doch von seiner Wirkung. Mit dem Gesicht brauchst du sicherlich kein Studium. Ich duze dich jetzt einfach Mal. Hast du eigentlich Facebook? Wie sehen dein Freund und du das eigentlich mit der Treue? 

… Ist das Ihr Ernst? Passiert das gerade wirklich?

Jeden Tag und ich bin es Leid.

Diese Worte haben sich angestaut. Über Jahre hinweg. Ich schreibe sie nicht nur für mich, ich schreibe sie für meine Mutter, meine Schwester, meine besten Freundinnen, für die Tochter, die ich vielleicht eines Tages großziehe. Für jeden, der das tagtäglich erlebt. Ja, auch für jeden Mann, der unter Sexismus leidet. Lange dachte ich so etwas wie ernst gemeinten realen Sexismus, gibt es heutzutage nicht mehr. Mir wurde jedoch unmissverständlich klar gemacht, dass ich nur die Augen davor verschlossen habe.

Es beginnt schon mit den kleinen Dingen. Der obere Teil klingt zugespitzt? Als hätte ich übertrieben? Tatsächlich wurde mir jede dieser Fragen von unterschiedlichen Menschen, Zeit meines Lebens irgendwann gestellt. Kein Witz. Bittere Realität. Da wo das herkommt, gibt es noch viel mehr. Wie wäre es mit den Top 3 der dümmsten Sprüche, die meine Ohren heute noch zum Bluten bringen?

#3 Der Tänzer
Setting: Zeltdisko

Er: „Hey komm lass uns tanzen.“
Objektifizierte (Me): „Ne, Sorry“
Er: „Komm *nimmt meine Hand*. Nur ein bisschen tanzen, komm schon.“
O: Nein, echt nicht. Ich habe keine Lust.
Er: „Warum bist du so hart zu mir? Gib mir ne Chance.“
O: „Ne man, ich will nicht und außerdem bin ich vergeben (diesen Move nenne ich auch ‚die Notbremse‘)“
Er: „Ist das jetzt dein ernst oder was? Was machst du dann bitte hier?“
O: „Wie was mache ich hier? Feiern, siehst du doch.“
Er: „Obwohl du einen Freund hast? Alles klar, Schlampe.

*Freunde ziehen mich weg, damit ich ihm nicht in den Schwitzkasten nehme und jeden Zahn einzeln raus schlage* (Achtung Metapher- Gewalt ist keine Lösung)

#2 Frau/Herr ‚Ich könnte das ja nicht‘
Setting: überall, ehrlich.

G wie geistig beschränkt: “ Du hast also einen Freund? Wie schön. Wie lange seit ihr denn schon zusammen?“
O: „… (nuschelt) seit ca. 5 Jahren.“
G: „Waaaaas? Boah Heftig. Wie alt bist du nochmal? 20? Seit du 15 bist? Und da war er 17? Das ist schon krass.“
O: „Ja… also“
G: „Ich könnte das ja nicht. Nur mit einer Person? Und dann so früh, da hat man ja gar nicht die Chance sich richtig auszuleben!“
O: „Ich bin sehr zufrieden damit, was soll ich sagen. Ich…“
G: „Und ihr wohnt aber nicht zusammen? Dann seht ihr euch bestimmt nicht sehr oft.“
O: „Wir sehen uns bestimmt alle zwei Wochen. Vielleicht auch mal nur alle drei…“
G: „Ich weiß ja nicht. Ist das dann überhaupt ne richtige Beziehung? Ich mein klar seid ihr glücklich. Ihr seht euch ja auch nur selten.“
O: *sprachlos*

Wenn G männlich ist kommt manchmal noch:
„Oh man warum muss ich immer so ein Pech haben? Ich schwöre, immer, wenn ich eine gut finde ist sie vergeben. Aber wie ist das eigentlich bei euch? Ein Freund ist ja eigentlich auch nur ein Umstand und kein Hindernis ;-)“

*O isst noch schnell drei Döner, damit sie auch so viel kotzen kann, wie diese Aussagen es von ihr fordern.*

#1 Der einfach nur Igitt, bitte geh dich vergraben
Setting: Sehr ranzige Bar, die mir sehr am Herzen liegt.

Er: „Heeey *Streckt mir Hand entgegen*. Ich bin Igitt, bitte geh dich vergraben. Darf ich nach deinem Namen fragen?
O: „Ähh Hi. Ich bin Anne. *Gebe ihm die Hand*
Er: „Nachname.“
O: „Was?“
Er: „Wie dein Nachname ist.“
O: *Ich geb dir sicher keinen Grund mich morgen bei Facebook voll zu texten* „Sorry, ne“
Er: *zieht eine Augenbraue hoch und flüstert mir ins Ohr* „Komm. Du siehst schon ziemlich gut aus, mag sein, aber nicht annähernd so gut, als dass du es dir erlauben könntest, mir nicht deinen Nachnamen zu verraten.“
O: „Okay. Ciao.“ *dreht sich um*
Er: *versucht mich umzudrehen und noch mehr Müll durch seine Lippen in diese Welt zu lassen* *Mein bester Freund stellt sich dazwischen und bestätigt mein ‚Ciao‘ nachdrücklich* (Danke nochmal, Brudi)

Da will man sich doch nur noch in den Teddy kuscheln und laut weinen.
So Freunde. Was war denn euer Favorit? Schreibt es in die Kommentare.

Taubenhafte Grüße

Eure Anne

 

Fotografin: Saskia Jung

 

 

 

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3 Gedanken zu “Ein Tag als Frau

  1. Nicole Kirchdorfer schreibt:

    Also verbal ist mir so was bislang noch nicht in dieser Ausprägung passiert. Leider aber handgreiflich. Also er wurde an sich handgreiflich. Vielleicht meinte er das würde mich antörnen…hat es nicht. Danach war ich ein paar Monate echt verstört und habe jedem Mann unterstellt, er würde sich einen runterholen, wenn er nur nach Kleingelt gesucht hat…

    Gefällt 1 Person

    • taubeohnehaube schreibt:

      Hey Nicole,
      zuerst einmal tut es mir sehr leid, dass du dies erleben musstest. Ich finde es klasse, wie offen du darüber schreibst. Innerhalb weniger Stunden habe ich viele Nachrichten von Frauen bekommen, denen es ähnlich geht. Mir ist klar geworden, wie wichtig es ist über Sexismus, verbalen oder körperlichen Missbrauch, Gewalt etc. zu sprechen. Denn es ist DEIN Körper. Nichts gibt diesem Mann das Recht ihn in welcher Weise auch immer anzufassen. Und du sprichst es ja schon an, dass es dir das Vertrauen in das männliche Geschlecht generell (zumindest für eine Zeit) genommen hat. Selbst, als du eigentlich überhaupt nicht in ‚Gefahr‘ warst. Niemand sollte mit dieser Angst leben müssen.

      Mit deinem Kommentar hilfst du nicht nur auf dieses Thema aufmerksam zu machen, du gibst auch vielen Frauen den Mut es dir gleich zu tun und sich zu wehren!
      Ich danke dir sehr dafür!

      Gefällt mir

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